20170126

Ein Liebesroman mit viel Gefühl

Der Yoga-Prinz: Eine Liebesgeschichte vom Feinsten von Louise Berben, die es meisterhaft versteht, große Gefühle in Worte zu packen. 



Leseprobe:



Selma hatte Angst. Noch nie hatte sie sich von der ersten Sekunde an so sehr gewünscht, einem Mann, den sie kaum kannte, nahe zu sein. Doch da war keine Sicherheit. Keine Gewissheit, jemanden wirklich gut zu kennen und hundertprozentig zu wissen, worauf man sich einließ. Sie brauchte diese Sicherheit. Sie war ihr Anker, ohne den sie sich nicht wirklich auf einen Mann einstimmen konnte. Dabei wusste sie mittlerweile sehr gut, dass diese Sicherheit kein Garantiepaket für eine perfekte, lebenslange Beziehung war. Menschen änderten sich. So wie sich Michael geändert hatte, Selmas erste ernsthafte Liebesbeziehung.

  Fast ein Jahr waren sie nur Kommilitonen, die nach den Vorlesungen gerne mal gemeinsam mit anderen etwas unternahmen, bevor es ganz langsam mehr wurde. Dass es nicht dauerhaft mehr bleiben konnte, lag daran, dass sich Michael einfach nicht von seiner Mutter abnabeln konnte. Nachdem sie fast drei Jahre ein Paar waren, ließ sich nicht mehr leugnen, dass er ein unheilbares Muttersöhnchen war. »Mein Vermieter braucht seine Wohnung. Eigenbedarf. Da kann man nichts machen. Ich wohne jetzt vorübergehend bei meiner Mutter.» Das klang einleuchtend, wenn man außer Acht ließ, dass dieses Vorübergehend sich erst über Monate und schließlich über Jahre erstreckte.

  Es dauerte ziemlich lange, bis sich Selma eingestand, dass diese Dreiecksbeziehung nicht länger gesund war. Dass es für Michael, Mama und sie keine Zukunft gab, wurde Selma so richtig klar, als sie vorsichtig das Thema „Zusammenziehen“ ansprach. Michaels Reaktion war nicht gerade ermutigend. Drei Monate hörte Selmas sich in verschiedenen Varianten »Schöne Idee, da sollten wir drüber nachdenken!«  an, zwei Monate lang ein vages »Das sollte man sich wirklich sehr, sehr gut überlegen. Nur nichts überstürzen!« und dann - nach Selmas Drohung, sich anstelle von Michael einen Golden Retriever zuzulegen - der finale Tiefschlag: »Du, ich hab mit Mutti gesprochen. Wir können das Tiefparterre bekommen, ganz für uns alleine. Na, was sagst du?«

  So hatte Selma sich ihre Zukunft nicht vorgestellt: im Keller eines Reihenhäuschens sitzend, über ihr das Geklapper der Pantoffel von Michaels Mutter. Womöglich den Haushalt, die Waschmaschine und Michael mit ihr teilend. Und ganz langsam, aber unweigerlich ihr Leben in die Schwiegermutterhände legend. Von diesem Moment an begann Selma, sich wieder zu entlieben. Ein Prozess, der genau so viel Zeit verschlang wie der des Verliebens.