20170126

Lovestory mit Happy End

Der Yoga-Prinz: Eine Liebesgeschichte vom Feinsten von Louise Berben, die es meisterhaft versteht, große Gefühle in Worte zu packen. 



Leseprobe:



Es geschah an einem Ort, an dem Selma am allerwenigsten damit gerechnet hatte - im Yogakurs. Schon seit Wochen hing an der Tür ihres Kühlschranks ein mit einem Magneten befestigter Gutschein für einen Schnupperkurs, ein Geburtstagsgeschenk ihrer Freundin und Kollegin Melinda.

  Selma hatte nicht viel Erfahrung mit Indoor-Sport. Sie war lieber in der freien Natur, ging ab und zu joggen oder machte eine Tour mit dem Mountainbike. Aber sie probierte gerne Neues aus. Warum also nicht! Und vielleicht gab es ja ein paar nette Frauen unter den Kursteilnehmerinnen, mit denen man anschließend mal ein Bier trinken gehen konnte.

  Dass sich in diese Kurse nur sehr selten Männer verirrten, wusste sie von Melinda, einem wahren Yoga-Profi, die über das Anfängerlevel längst hinausgewachsen war. Mindestens zwei Mal in der Woche tauchte sie mit einer köcherartigen Yoga-Matten-Hülle im Büro auf, um gleich nach Arbeitsschluss in ein trendiges Yogastudio zu verschwinden. Immer wieder berichtete sie restlos begeistert von ihren Yoga-Erlebnissen, was Selma neugierig machte.

Wenn sie an Yoga dachte, tauchte das Bild ihrer Mutter auf, die in ein zu enges lila Trikot gezwängt vor fast 20 Jahren regelmäßig am Mittwoch Nachmittag den Anweisungen einer Yogini im TV gefolgt war.

Die hier vorgezeigten Übungen schienen Selma nicht nur ergebnislos, sondern auch langweilig und albern. Ein Bild das sie mit den Berichten Melindas, die enthusiastisch darüber sprach, wie wohl sie sich fühle, seit sie Yoga mache, nicht in Einklang bringen konnte.

  Doch irgendwie klang es auch verführerisch. Männer schienen allerdings gegenüber derartigen Verlockungen immun zu sein. Yoga war, aus welchen Gründen auch immer, für die meisten Vertreter des männlichen Geschlechts offenbar ein absolutes No-Go.

   Umso überraschter war Selma, als sie sah, dass sich sich unter den zwölf Kursteilnehmern auch ein Mann befand und noch dazu ein ausgesprochen attraktives Exemplar um die 30 mit breiten Schultern und einer gesund wirkenden, leicht bräunlichen Gesichtsfarbe. Ein mediterraner Typ, wie Selma registrierte, mit feinen und doch männlich-markanten Gesichtszügen.

  Nachdem er sie mit einem freundlichen »Hi, ich bin David!« begrüßt hatte, ließ er seine Matte direkt neben die von Selma plumpsen, ohne sich darum zu darum zu kümmern, dass alle anderen sich etwas versetzt platziert hatten, um sich bei den Übungen nicht in die Quere zu kommen.

  Von diesem Moment an war es, als hätte Selmas Körper in Eigenregie einen stummen Dialog mit dem langbeinigen, mit einer dunklen Jogginghose und einem weißen T-Shirt bekleideten Kerl neben ihr aufgenommen. Sie war sich seiner Gegenwart in jeder Sekunde der 90minütigen Kurseinheit so bewusst, dass sie größte Schwierigkeiten damit hatte, der melodiösen Stimme von Frau Wohhartinger-Minesheim, einer dünnen und muskulösen Frau, die sich als Leiterin des Kurses vorgestellt hatte, zu folgen. Als sie, den Rücken an die Yogamatte gepresst, die Hände seitlich ausstreckte, fühlte es sich an, als würden ihre Fingerspitzen kleine elektrische Entladungen auffangen, die von den nur wenigen Zentimetern entfernten Händen Davids in ihren Körper flossen. Eine wunderbare Irritation, die Selma dazu brachte, ihren Kopf wie in Trance in Richtung David zu drehen und seinen weichen Blick einzufangen, in dem sie so etwas wie Erstaunen und ein unbestimmtes Sehnen las.