20170126

Eine kurze Geschichte über die Liebe

Der Yoga-Prinz: Eine Liebesgeschichte vom Feinsten von Louise Berben, die es meisterhaft versteht, große Gefühle in Worte zu packen. 




Leseprobe:



Selma war Stammkundin und hatte daher einen Notfalltermin für eine Gesichtsbehandlung bekommen. Statt sich, wie sonst in der Mittagspause ein Sandwich oder eine Portion Take-away-Nudeln im indischen Schnellimbiss zu besorgen, vertraute sie sich Sandras kundigen Händen an. Sie mochte die reizarme Umgebung, die man hier geschaffen hatte. Es gab keine Rosa- oder Pastelltöne, keine Bilder an den Wänden und keine leise dudelnde Entspannungsmusik. Annette hatte beide Behandlungsräume in einem sterilen Weiß eingerichtet, das an eine Arztpraxis erinnerte, und Sandra hatte daran erfreulicherweise nicht das Geringste verändert. Es war eine saubere und hygienisch wirkende Welt, in der sich Selma aufgehoben fühlte. Mittlerweile strömte wohlig warmer Dampf über ihr Gesicht und öffnete alle Poren, was ihr normalerweise ein himmlisches Gefühl der Entspannung bescherte.

  Doch der verlässliche Sorgenbrecher funktionierte heute nicht. Das lag daran, dass sie auf einer rosaroten Wolke schwebte. Einer duftig leichten, wunderschönen Wolke des Verliebtseins zu einem Mann, an den sie nur flüchtig denken musste, und schon kribbelt es so herrlich schön in ihrem Inneren, dass es sich anfühlt, als hätte sie Schmetterlinge im Bauch.

  Doch etwas in ihr wollte dieses Gefühl nicht nicht an sich heranlassen. Wie konnte sie nur dermaßen auf einen Kerl reagieren, von dem sie nicht das Geringste wusste? Auf einen Fremden, der ihr noch nie begegnet war! Sie verstand sich selbst nicht.

Dieses Empfindung, sich von der ersten Sekunde an intensiv zu einem Mann hingezogen zu fühlen, erlebte sie zum ersten Mal in ihrem Leben, und irgendetwas in ihrem Inneren wehrte sich mit aller Macht dagegen.

  Sie kannte David nicht und dennoch hatte sie das Gefühl, als wäre er ihr schon lange vertraut. Seltsamerweise schienen auch andere diese Verbundenheit wahrzunehmen.

  »Das ist aber wirklich nett von deinem Freund, dass er mit dir zum Yoga geht.» Diese Bemerkung einer kleinen, etwas übergewichtigen Schwarzhaarigen, die sich im Umkleideraum neben Selma aus ihrem lavendelfarbenen Yoga-Outfit schälte, irritierte sie.

  »Er ist nicht mein Freund«, erklärte sie. »Ich habe ihn heute auch zum ersten Mal gesehen.«

  »Tatsächlich? Ich hätte schwören können, dass ihr ein Paar seid!«