20160218

PatrÍcia Melo: "Wer lügt gewinnt"

PatrÍcia Melo: "Wer lügt gewinnt"
Klett-Cotta, 217 Seiten.

„Der menschliche Geist ist empfänglicher für die Lüge als für die Wahrheit.“ Dieser Satz von Erasmus, den Melo an den Anfang ihres Romans stellt, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Buch. Der Ich-Erzähler José Guber, ein erfolgloser Autor, lebt von einer Form der Täuschung, die auch unter seinen Kollegen gang und gäbe ist: Er bedient sich ungeniert bei den großen Meistern der Krimischriftstellerei und recycelt die Ideen seiner berühmten Kollegen zu billigen Schundromanen. Während Guber sich gerade den Kopf über sein nächstes Plagiat zerbricht, tritt die Liebe in Gestalt der Schlangenzüchterin Fúlvia Melissa in sein Leben. Die Expertin für Giftschlangen erhofft sich von ihrem Geliebten Ideen für die Ermordung ihres Mannes Ronald. Doch Guber kennt Gewalt nur auf dem Papier. Fúlvia hingegen entpuppt sich als talentierte und eiskalte Mörderin, was Ronald nach einigen unappetitlichen Umwegen schließlich das Leben kostet. Guber entdeckt inzwischen den Esoterik- und Selbsthilfemarkt für seine literarischen Ambitionen. Er hält sich ganz an Senecas Wahlspruch „Alles, was von irgendjemandem treffender gesagt worden ist, gehört mir.“, ohne dass der von ihm betriebene geistige Diebstahl irgendjemanden aufzufallen scheint. Das mörderische Karussell dreht sich immer weiter und auch auf der literarischen Ebene wird die Lüge immer perfekter inszeniert. Schließlich wendet sich Guber - zum Wohle der sinnsuchenden Leser und seiner Brieftasche - dem lukrativen Markt der Religion zu. Die Schlange als Sinnbild der Falschheit und Lüge erscheint angesichts der Leistungsfähigkeit der menschlichen Verstellungskraft, die uns Melo in ihrem Buch so eindrucksvoll präsentiert, völlig harmlos. Eine perfekte Inszenierung der Lüge und ein geistreicher und witziger Angriff auf den Mythos rund um das Geschäft mit dem geschriebenen Wort.

 Krimi Mord Schlangen