20160218

Generation Beziehungsunfähig

Steve Biddulph über Mütter, Väter und glückliche Kinder


Wie sehen aus privater Perspektive Ihre Rolle als Vater bei der Entwicklung Ihrer Kinder?
Steve Biddulph: "Als junger Vater dachte ich, ich sei als Vater nur so etwas wie eine zweite Mutter, aber im Zuge meiner Arbeit habe ich erkannt, dass Väter und Mütter verschiedene Dinge einbringen. Die Kinder brauchen beide Geschlechter. Vor allem sollten Männer mehr mit ihren Kindern sprechen. Wir brauchen im 21. Jahrhundert keine Männer, die Bären und Büffel jagen. Wir brauchen Männer, die kommunizieren können. Ich denke, dass weltweit nur einer von zehn Männern eine enge Beziehung zu seinem Vater hat. Der Vater in der industriellen Welt erfährt nicht viel vom Leben seiner Kinder. Er bezahlt für Dinge, gibt seiner Familie aber nicht sein Herz. Viele Kinder leiden an etwas, das ich „Vaterhunger“ nenne."
Wie ist es Ihnen in Ihrer eigenen Kindheit ergangen? Sie sind in den 50er und 60er Jahren großgeworden. Hat Ihr Vater eine Rolle in Ihrem Leben gespielt?
Steve Biddulph: "Mein Vater war immer da, aber er hat nur sehr wenig gesprochen. Es war eine Art Schüchternheit. Er sagte vielleicht ein Wort am Tag. Wir haben kaum miteinander geredet. Auch später nicht. Als ich für mein Buch recherchierte, kam gerade mein Sohn auf die Welt und ich dachte daran, wie traurig es sein müsste, einen Sohn zu haben, mit dem man eigentlich nie richtig gesprochen hat. So habe ich mit meinem Vater über diese Kluft zwischen uns geredet. Wir haben einen langen Spaziergang am Strand gemacht und sprachen über die ganzen Probleme und Missverständnisse in meiner Kindheit. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte. Danach wurden wir gute Freunde."

Wie können Väter eine engere Beziehung zu ihren Kindern aufbauen?

Steve Biddulph: "Besonders wichtig ist es, dass Mütter ab dem zweiten Lebensjahr des Kindes die Familie mal für ein Wochenende oder einen Urlaub verlassen und den Vater mit den Kindern alleine lassen. So kann der Vater lernen, wie man Mahlzeiten zubereitet, die Kinder zu Bett bringt und auf ihre Bedürfnisse eingeht. Die Abwesenheit der Mutter hilft ihm dabei, eine enge und ganz eigenständige Beziehung zu den Kindern aufzubauen."
Warum gibt es noch immer soviel Gewalt in den Familien?
Steve Biddulph: "Meine Frau Sharon wuchs unter einem sehr gewalttätigen Vater auf. Er war Zuckerrohrschneider. Das Leben war sehr hart für die Familie. Sie hatten fünf Mädchen unter sieben Jahren. Sharon versprach sich, dass sie ihre eigenen Kinder nie schlagen würde. In unseren Büchern versuchen wir herauszuarbeiten, was man tun kann, um Gewalt zu vermeiden. Ich denke, daß die meisten Eltern ihre Kinder lieber nicht schlagen würden, aber sie sehen eben keine Alternative. Wir versuchen andere Wege zu vermitteln."
Sie betonen in Ihren Büchern, wie wichtig glückliche Eltern sind, damit auch Kindern glücklich werden. Glauben Sie, dass Eltern - insbesondere Mütter - ein bisschen „egoistischer“ sein sollten?
Steve Biddulph: "Ja. Es gibt Mütter, die kein eigenes Leben mehr haben und die sollten auf jeden Fall ein bisschen mehr an sich selbst denken. Sogar dann, wenn man kleine Kinder hat oder eine alleinerziehende Mutter ist, sollte man eine halbe Stunde am Tag und zwei Stunden am Wochenende ganz für sich alleine haben, um in die Sauna zu gehen, zu schwimmen oder zu malen. Etwas, das einem ganz alleine gehört. Das bedeutet ja auch, dass man mehr Liebe geben kann, wenn man zwischendurch auftankt."
In Ihren Büchern geht es um Probleme mit Kindern. Welchen Stellenwert haben denn die glücklichen Momente des Elterndaseins?
Steve Biddulph: "Man sollte das Kinderkriegen nicht überstürzen, sondern warten, bis man wirklich dazu bereit ist und ein Elternteil zwei bis drei Jahre mit der Arbeit aussetzen kann. Aber Kinder sind das größte Glück, das man in seinem Leben haben kann. Nichts anderes im Leben kann einen jemals so glücklich machen. Die unangenehmen Seiten der Elternschaft machen ja nur einen ganz kleinen Teil der gemeinsam verbrachten Zeit aus."
Wie sehen Sie die heutige Jugend? 
Steve Biddulph: "Ich finde es sehr problematisch, dass Jungen mit Gewalt und Schulproblemen weltweit so stark in einer Krise stecken. Mein Projekt ist, mein Buch „Jungen! Wie sie glücklich heranwachsen“ in jedes Land der Welt zu bringen. Nach China, in die USA - überall hin. Ich möchte dazu beitragen, dass wir in 20 Jahren eine andere Jungengeneration als heute haben."


Steckbrief von Steve Biddulph:

  • 1953 in England geboren. Lebt mit seiner Familie am Rande des Regenwaldes im Norden Australiens.
     
  • Autor von Beziehungs- und psychologischen Ratgebern: „Männer auf der Suche“, „Das Geheimnis glücklicher Kinder“ und als „Jungen! Wie sie glücklich heranwachsen“, das in Australien wochenlang Nummer 1 auf der Bestsellerliste war (alle Verlag Beust). 


Buchtipp:

Das Geheimnis glücklicher Kinder

Beust Verlag, 199 Seiten.

„Wie macht man seine Kinder glücklich?“ und „Wie wird man dabei auch selbst glücklich?“: Auf diese beiden überaus schwierigen Fragen, liefert der Eltern-Ratgeber des australischen Psychologen Steve Biddulph ein paar wirklich interessante Antworten. Biddulph bietet keine Patentrezepte an - sein Ratgeber ist eher ein „Nachdenkbuch“, das mit einer wichtigen Frage beginnt: „Warum sind so viele Erwachsene unglücklich?“. Die Antwort: Viele Menschen sind zum Unglücklichsein programmiert worden. Man hat ihnen als Kinder beigebracht, unglücklich zu sein und das bleiben sie dann oft bis zu ihrem Lebensende! Das Buch versucht daher aufzuzeigen, wie negative Programmierungen ablaufen und welche Folgen es hat, ständig als „böses Kind“ oder „Quälgeist“ abgestempelt zu werden.

Wer seine Kinder glücklich machen möchte, braucht keine „Supermutter“ und kein „Supervater“ zu sein. Ständige Opferbereitschaft ist ohnehin kein Garant für eine glückliche Kindheit. Ganz im Gegenteil, so Biddulph: Eltern zu Sein sollte Spaß machen. Das wünschen sich wohl die meisten Eltern. Kein Wunder, dass dieser intelligente und humorvolle Ratgeber in Australien zum Bestseller wurde!



© Interview: Regina Sailer   1998


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