20160217

Erzählte Geschichte: lebendig, spannend, atemberaubend


„Quo Vadis“ ist ein Geschichtsbuch der etwas anderen Art: Eine bunte Mischung aus Sex und Crime, Affären, Skandalen und Prozessen.

„Was für eine Geschichte“ Liebe bis zur Hörigkeit, Intrigen, Machtmißbrauch, Skandale, Staatsaffären, öffentlicher Aufruhr, Maßlosigkeit und Ignoranz, Lügen und Betrug und schließlich die Abdankung eines Monarchen. Ein Stück wie aus dem Tollhaus.“ Mit diesen enthusiastischen Worten leitet ZDF-Redakteur Hans-Christian Huf die ersten Geschichte seines Buches „Quo Vadis“ ein, das auf der gleichnamigen Fernsehserie basiert. Es folgt ein Bericht über die bizarre Leidenschaft des 60jährigen Bayernkönigs Ludwigs I. zur jungen Tänzerin Lola Montez. Huf zeichnet den Lebensweg beider Persönlichkeiten bis zu ihrem Aufeinandertreffen im Jahr 1846 nach. Er schildert die verhängnisvolle Beziehung des Königs zu Lola, einer gebürtigen Irin, die mit ihrem „erotischen“ Tanz in der Mitte des vorigen Jahrhunderts für großes Aufsehen in den europäischen Hauptstädten sorgte.

Huf ist nicht wählerisch, was Ort und Zeit seiner geschichtlichen Ausflüge angeht: Nach dem Bayernkönig widmet er sich dem Kronprinzen Rudolf und der Tragödie von Mayerling. Anschließend führt uns der Autor zur Hinrichtung der französischen Königin Marie Antoinette, der Tochter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia und zum Auftritt Galileo Galileis vor der römischen Inquisition. Wir besuchen mit Huf das Frankreich des 15. Jahrhunderts und verfolgen dort das Schicksal von Jeanne la Pucelle, die als Jungfrau von Orléans auf dem Scheiterhaufen starb. Nach Johanna ist Hauptmann Alfred Dreyfus an der Reihe, der als angeblicher Landesverräter zu einer lebenslangen Haft auf der berüchtigten Teufelsinsel bei Cayenne in Französisch-Guyana verurteilt wurde.

Auch Odysseus hat in „Quo Vadis“ seinen großen Auftritt: Huf widmet ein Kapitel seines Buches dem Schicksal des Trojanischen Pferdes und schildert dabei auch das Bangen und Warten der Krieger im Bauch des Pferdes: „Eng ist es, dunkel und stickig. Es riecht nach frischem Holz, nach Teer und nach Schweiß. Die Männer liegen und sitzen dicht nebeneinander, verkrampft, aufgeregt, die Waffen in den feuchten Händen.“ Weitere Kapitel - das Nibelungen-Epos und das Schicksal des Judas - runden die bunte Geschichte(n)sammlung ab.

Menschliche Helden mit Fehlern und Schwächen


Hufs Helden wirken trotz ihrer geschichtlichen Bedeutung sehr menschlich: Der Autor fühlt sich - soweit es eben die geschichtlichen Fakten zulassen - in ihr Gefühlsleben ein. Kronprinz Rudolf etwa schildert er sehr überzeugend als Opfer des militärischen Drills seines Vaters und der erzwungenen emotionalen Vernachlässigung seiner Mutter Sisi. Er steuert keine neuen Theorien zu den immer wieder aufflammenden Mayerling-Diskussionen bei, sondern zieht eine klare Trennlinie zwischen Spekulation und seriöser Geschichtsforschung.

Huf geht es in seinem Buch nicht um Tratsch hinter vorgehaltener Hand. Er bemüht sich um Zeugnisse seriöser Zeitgenossen oder andere stichhaltige geschichtliche Quellen. Seine Art mit Geschichte umzugehen, ist spannend und lebendig. Leider hat der Autor bei der Zusammenstellung seiner „Augenblicke der Geschichte“ etwas danebengegriffen: der bunte Wechsel zwischen Ludwig und Krimhild, zwischen der Jungfrau von Orléans, Dreyfus und Judas scheint allzu willkürlich.

Hans-Christian Huf
Quo Vadis
Lübbe, 287 Seiten


Buchtipp Ludwig I.