20160217

Sten Nadolny: Er oder Ich

Sten Nadolny: Er oder Ich
Piper, 263 Seiten.

Mit vielen Hoffnungen, Träumen und lustvolle Phantasien im Gepäck reist Ole Reuter in den 70er Jahren per Eisenbahn quer durch Deutschland (nachzulesen in Nadolnys Roman „Netzkarte“). Viele Jahre später macht sich Reuter ein zweites Mal auf dem Weg quer durch das wiedervereinigte Deutschland. Diesmal ist sein Reise kein vergnügliches Sich einfach Treiben lassen, sondern eine Flucht: eine Flucht vor den möglichen Folgen eines geplatzten Kondoms und eines Seitensprungs mit einer Heroinsüchtigen, eine Flucht vor dem Dicker- und Älterwerden, vor der Resignation und dem ganzen schal gewordenen Leben. Reuter seufzt sich durch Deutschland und notiert dabei minutiös alle ihm wichtig erscheinenden Details: Brust- und Herzschmerzen, Rückenbeschwerden (ausstrahlend ins linke Bein), Gleichgewichtsstörungen, Verfolgungsangst, Höhenkrankheit und Gedächtnisstörungen. Endlosen Schilderungen von Alpträumen (gibt es etwas Langweiligeres als seitenlange Traumbeschreibungen?) wechseln sich mit realen Seelenschmerzen ab, die auch das planlose Herumreisen nicht lindern kann. Nach einem Selbstmordversuch und einer kurzen vermeintlichen Erholung folgt der totale Zusammenbruch. Endpunkt der Reise ist die Intensivstation. Bei all diesen Schrecknissen ist Ole Reuter ist nicht allein: „Er“, sein kühles, rationales Alter Ego, begleitet ihn auf Schritt und Tritt. Daneben gibt es noch so etwas wie eine metaphysische Ebene, auf der der Satan und zwei Engel um Reuters Seele kämpfen.

Was will uns der Bahnfan Nadolny mit dieser Geschichte wohl sagen? Keine Ahnung! Vielleicht, dass auch zielloses Bahnfahren nicht wirklich eine Lösung ist, wenn die Probleme erst einmal groß genug und die seelische Zerrüttung tief genug sind. Der Wortwitz und die beeindruckenden sprachliche Fähigkeiten Nadolnys sind in „Er oder Ich“ zwar spürbar, können der deprimierenden Railroad-Story aber leider auch nicht so richtig Leben einhauchen.


 Buch über die 70er Jahre