20160218

Einfach wunderbar: der „Gott der kleinen Dinge“ von indischen Autorin Arundhati Roy

Karl Blessing Verlag, 380 Seiten.

Zwei Liebende, eine syrische Christin und ein Mann aus der Kaste der Unberührbaren, haben keine Zukunft. Sie halten sich daher lieber an die kleinen Dinge, lachen „über Ameisenbisse auf dem Po des anderen. Über behäbige Raupen, die vom Blattrand rutschen, über auf dem Rücken liegende Käfer, die sich nicht alleine umdrehen konnten...“

„Gott der kleinen Dinge“, das Erstlingswerk der indischen Autorin Arundhati Roy, gilt als literarische Sensation. Dass das Buch tatsächlich sensationell ist, merkt man schon nach den ersten paar Seiten. Die bilderreiche, lebhafte Sprache des Romans macht uns innerhalb kurzer Zeit mit den Menschen, Farben, Stimmungen und Gerüchen des exotischen südindischen Schauplatzes vertraut. Vor diesem Hintergrund zeichnet Arundhati Roy die Geschichte einer Familie, in der fast alle Beziehungen vergiftet sind. Berichtet wird aus der Perspektive von zwei Kindern: Rahel und ihr Zwillingsbruder Estha leben mit ihrer geschiedenen Mutter Ammu im Haus ihres ebenfalls geschiedenen Onkels Chacko und der alten Großtante Kochamma. In zahlreichen Rückblenden erzählt Arundhati Roy von dieser privilegierten und für indische Verhältnisse reichen Familie, in der es Tradition ist, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen: Die Ahnenreihe beginnt mit Reverend John Ipe und Aleyooty Ammachi, den Urgroßeltern der Zwillinge und geht weiter zu Großvater Pappachi und Großmutter Mammachi, der Gründerin der familieneigenen Marmeladenfabrik (eine Ahnentafel erleichtert die Orientierung!). Auch die Geschichte der Großtante Kochamma wird erzählt: Sie hat sich als junges Mädchen unsterblich in einen irischen Priester verliebt und sich zu einer alten Frau voller Groll und Bitterkeit entwickelt. Sie ist genauso vom Leben enttäuscht wie ihre Nichte Ammu und ihr Neffe Chacko.

Fixpunkt dieser vielen Rückblenden und Zeitsprünge ist ein bestimmter Tag im Leben der Familie, an dem sich innerhalb von wenigen Stunden alles ändert. Sophie Mol, die angebetete Kusine von Rahel und Estha stirbt; die verbotene Liebe ihre Mutter wird entdeckt. Diese Ereignisse zerstören auch das Leben der Geschwister, die in der Folge getrennt werden.

Arundhati Roys autobiografisch gefärbtes Buch setzt sich mit einer vom Kastenwesen geprägten, extrem traditionellen Gesellschaft voller Macho-Gehabe auseinander. Die Männer machen meist keine besonders gute Figur: Sie treten als Gewalttäter, Kinderschänder, hoffnungslose Alkoholiker und Egozentriker auf. Der einzige Mann, der Liebe und Verständnis zeigt, ist der Paria Velutha, den Ammu am Ende lieben lernt. Wegen dieser verbotenen Liebe zwischen einer Christin und einem Unberührbaren wurde die Autorin in Indien wegen „Verbreitung unsittlicher Schriften“ angeklagt!

Weitere Attacken auf indische Moralbegriffe sind leider nicht zu erwarten. Sie habe in diesem einen Buch alles gegeben, erklärte Arundhati Roy in einem Interview und wolle nun keine weiteren Bücher schreiben. Schade!


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