20120704

Norbert Gstrein "Die englischen Jahre"

Wer ist Hirschfelder wirklich und was hat es mit dem Mord auf sich, den der aus Wien stammende Emigrant angeblich vor fast 50 Jahren verübt hat? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Norbert Gstreins Buch.

Der Literat Hirschfelder ist eine von Legenden umwobene Figur, die auch (oder gerade) nach ihrem Tod die Phantasie der Menschen beflügelt. Norbert Gstrein läßt eine Reihe von Zeugen zu Wort kommen, die im Leben des vor den Nazis nach England geflüchteten Juden eine wichtige Rolle spielten. Auch Hirschfelder selbst darf sich zu Wort melden: Von der Isle of Man des Jahres 1940, wo die Briten den Flüchtling mit anderen potentiellen „Spionen“ internierte.

Die in Wien lebende Chronistin der Spurensuche lebte als Frau eines Hirschfelder-Verehrers jahrelang mit dem idealisierten Phantom des Schriftstellers. Bei ihrem Besuch in England versucht sie, die vielschichtige Persönlichkeit des kürzlich Verstorbenen zu rekonstruieren und lernt dabei den Menschen und Mörder Hirschfelder kennen.

„Die englischen Jahre“ sind eine großartige Leistung Norbert Gstreins. Gekonnt wechselt er zwischen verschiedenen Zeit- und Erzählebenen, baut den passenden Rahmen rund um diese ungewöhnliche Geschichte und schafft bravourös, woran so manche seiner Schriftstellerkollegen scheitern: als Österreicher einen Roman mit Österreich-Bezug zu schreiben, der Format hat und kein bißchen provinziell anmutet.

Norbert Gstrein
Die englischen Jahre
Suhrkamp, 389 Seiten.