20120726

Marlene Haushofer Die Wand

„Die Wand“ zählt zu jenen Bücher, die man nicht vergisst, auch wenn schon viele Jahre vergangen sind, seit man sie zum ersten Mal gelesen hat. Die berührende Geschichte einer Frau, die eine gläserne Wand unfreiwillig zur Einsiedlerin macht, ist bereits in den 60er Jahren zum ersten Mal erschienen. Das Entstehungsdatum spielt in diesem Fall allerdings keine Rolle. Haushofers Roman wirkt so zeitlos, als würde auch ihn eine konservierende Glasglocke vor dem Getriebe der Welt schützen.

Für die namenlose Ich-Erzählerin bedeutet die Wand aus Glas allerdings nicht nur Schutz, sie bedeutet auch Isolation, Einsamkeit und Angst: „Verdutzt streckte ich die Hand aus und berührte etwas Glattes und Kühles: einen glatten und kühlen Widerstand an einer Stelle, an der doch gar nichts sein konnte als Luft...“. Die Frau in mittleren Jahren, die jäh auf dieses Hindernis stößt, sitzt in der Falle. Sie kann das Waldstück, in dem sich ihr Wochenenddomizil, ein einsam gelegenes Jagdhaus, befindet, nicht mehr verlassen. Die gläserne Wand trennt sie vom Rest der Welt, in der nach einer rätselhaften Katastrophe keine Leben mehr zu existieren scheint. Rasch erkennt die Heldin, dass keine Rettung zu erwarten ist. Ganz auf sich selbst gestellt, richtet sie ihr Leben hinter der Wand ein, entwickelt eine Beziehung zur Natur und zu den mit ihr in der Isolation lebenden Tieren. Was sie nach langer, harter Arbeit langsam aufbaut, wird schließlich von einem plötzlich auftauchenden Mann abrupt und in einem sinnlosen Akt der Zerstörung zunichte gemacht. Damit zieht Marlene Haushofer offensichtlich eine Parallele zu ihrem eigenen Leben und ihrem Ehemann, der ihr Schreiben als ein nicht ernst zu nehmendes Hobby „ähnlich dem Häkeln“ betrachtete. Haushofers Mentor Hans Weigel hatte eine bessere Meinung von der Arbeit der früh verstorbenen Autorin und reihte „Die Wand“ unter die „Meisterwerke der abendländischen Literatur“ ein.

Marlene Haushofer
Die Wand
dtv, 261 Seiten.

Buch kaufen bei Amazon