20110302

Herbert Rosendorfer im Interview


Acht Fragen an Herbert Rosendorfer


Sie sind von Deutschland wieder in ihre Heimatstadt Bozen übersiedelt. War das für Sie so etwas wie eine Heimkehr?

Ich habe immer gesagt: „Ich habe eigentlich keine Heimat. Ich habe Europa als Heimat.“ Was man halt manchmal so großkotzig sagt. Und ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich in Bayern, in München beheimatet war oder in Naumburg, als ich dann dort.
Ich habe schon Südtirol in gewisser Weise als Heimat betrachtet, insofern war es tatsächlich eine Heimkehr. Aber das war nicht der Grund für die Übersiedlung. Der Grund war, dass es dort drinnen schön ist und dass es ein besseres Wetter hat und nicht so kalt ist.

Welche Beziehung haben Sie zu China?

Anfangs hatte ich überhaupt keine Beziehung zu China. Das war rein konstruiert. Ich brauchte für meinen Roman jemanden, der weit genug weg ist. Ich hätte auch Japan oder Sibirien nehmen können.  Es ist mir nur um die Fremdheit gegangen. Ich habe mich dann eingelesen und die chinesische Kultur ist mir sehr sympathisch geworden - eine Kulturgeschichte ohne Theologie und eine Kultur ohne eigentliche Religion. Nur ein ethisches Fundament. Das war mir sehr sympathisch.

Wohin würden sie gerne fahren, wenn Sie eine Zeitreise machen könnten?

Nach Wien im Jahre 1789. Ja, ich würde in das silberne Kaffeehaus gehen und warten, bis Mozart kommt.

Die Zukunft scheint sie weniger zu interessieren?

Also ich fürchte, dass einem da die Haare zu Berge stehen könnten! Die kann ich mir gut genug ausmalen. Ich fürchte, dass da noch einiges auf die Menschheit zukommt.

Wie entstehen Ihre Romane und ihre Romanfiguren?

Es ist so, wie wenn man durch eine Stadt im Nebel geht. Die nächsten Häuser sieht man ganz genau und die weiter weg sieht man undeutlich und noch weiter weg sieht man nur noch Schatten, und das ändert sich und tritt deutlicher hervor,  je näher man hinkommt. Und so ähnlich geht es mir auch beim Schreiben. Manchmal kommt man irgendwohin und sieht dann „Halt, Moment mal, das ist ja ein rotes Haus!“. Das hat man vorher nicht gewusst. Bei manchen Büchern ist das Konzept genauer gewesen, bei manchen ganz ungenau.

Ist das Schreiben für Sie anstrengend? Manche Autoren müssen sich die Worte ja so richtig herausquälen.

Nein, denen sage ich immer: „Warum macht ihr das, lasst es doch bleiben!“ Wenn es anstrengt, soll man es sein lassen.

Wie geht es mit Ihrem nächsten Roman weiter?

Ich habe einige Pläne. Das Bergwerk der Einfälle ist noch nicht ganz erschöpft. Es ist schon noch ein bisschen was da. Das baue ich ab.
Je älter man wird, desto mehr meine ich, sollte man sich zusammenreißen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Ich will in Zukunft das schreiben, was wirklich nur ich schreiben kann. Wobei ich nicht sage, dass das Beste auf der Welt ist. Aber es ist die Art, die nur ich kann. Ich werde mich auf meine Begabung im engeren Sinn zurückziehen.

Wird es wieder neue Briefe in die chinesische Vergangenheit geben?

Nein, nein so schnell nicht. Nicht vor Ablauf von 15 Jahren, wenn es notwendig sein sollte. Ob sich in den nächsten Jahren so viel tut wie in den Jahren, seit das erste der Bücher erschienen ist, bezweifle ich - aber wer weiß!


© Interview: Regina Sailer 2000


Biografie Herbert Rosendorfer

  • Kommt am 19.2.1934 in der Nähe von Bozen zur Welt; übersiedelt 1939 nach München; lebt heute wieder in seinem Geburtsort.
  • Jurastudium; arbeitet bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr als Staatsanwalt und Richter in Deutschland.
  • Honorarprofessor für Literaturgeschichte an der Universität München.

Bestes Buch:

Die große Umwendung. Neue Briefe in die chinesische Vergangenheit 
Verlag Kiepenheuer & Witsch

10 Punkte