20101028

Ganz privat: Donna Leon im Interview


Donna Leon, Ihre Bücher entstehen in Italien. Sie werden aber nicht in Italien publiziert. Aus welchem Grund?

Donna Leon: Es gibt zwei Gründe dafür: Ich glaube, keiner mag Fremde, die öffentlich über das eigene Land sprechen. Ich würde ja auch nicht über Österreich oder österreichische Außenpolitik reden. Sie würden das nicht wollen - zu Recht. Wenn ich Österreicherin wäre, wäre das o.k. Ich kann auch nicht in Italien über das Land und die Italiener sprechen.Ja und der zweite Grund ist der, dass ich da, wo ich lebe, nicht bekannt sondern privat sein möchte. Ich glaube, dass es den Menschen nicht gut tut, berühmt zu sein. Für mich und mein Leben ist es besser, unerkannt zu bleiben.

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Sie haben an vielen verschiedenen Orten gelebt, bevor sie sich in Venedig niedergelassen haben. Ist diese Stadt inzwischen so etwas wie ein Zuhause geworden?

Donna Leon: Ja. Die meisten meiner Freunde sind Italiener, viele davon leben in Venedig. Ich spreche meistens italienisch und habe italienische Lebensgewohnheiten. Ich lebe ja schon seit vielen Jahren hier.

Kehren Sie noch ab und zu in die USA zurück?
Donna Leon: Ja. Ab und zu bin ich dort aus privaten Gründen. Etwa zweimal im Jahr. Wären da nicht mein Bruder und ein guter Freund, würde ich nicht hinfahren. Ja und vielleicht noch wegen der Oper.

Ihre Bücher kommen zwar in England, aber nicht in den USA heraus. Sind Ihre Landsleute nicht an Donna-Leon-Krimis interessiert?

Donna Leon: Nein! Amerikaner interessiert das nicht. Meine Bücher sind ja tief in der europäischen Kultur verankert: Brunetti mag gutes Essen, schöne Mahlzeiten und dazu ein gutes Gespräch mit seiner Frau und seinen Freunden. Er interessiert sich für Geschichte und kann den Titel eines griechischen Buches lesen, wenn er eines sieht.
Amerikaner interessiert das nicht. Meine Bücher wären in den Vereinigten Staaten nicht erfolgreich - nein, niemals! Da wäre es noch wahrscheinlicher, dass mir Flügel wachsen und ich davonfliege!

Das klingt nicht gerade so, als würden Sie die USA besonders lieben!

Donna Leon: Aber nein, schließlich ist mein Heimatland. Es ist ja nicht so, daß ich es nicht mag. Ich will nur nicht dort leben. Ich könnte zwar meine Bücher auch dort schreiben. Aber ich könnte da nicht mein Leben leben. Ich könnte einfach nicht in den USA leben.

Was fasziniert Sie so an Venedig?

Donna Leon: Es ist schön. Sie wissen schon - bla, bla, bla, bla, bla: Kunst, Kultur, Geschichte und vor allem die Menschen, die hier leben. Wenn die Leute, die ich mag, in Nepal leben würden, ja dann wäre ich eben in Nepal. Ich hätte genauso Mailand oder Modena wählen können.

Ist es manchmal auch schwierig für Sie, hier zu leben? Ich denke da an die vielen Touristen oder das Hochwasser.

Donna Leon: Wir haben gerade wieder mal Aqua alta. Ich verlasse das Haus zurzeit nur mit Regenstiefeln. Ja und die Touristen. Aber die gibt es auch in anderen Städten.

Wie beschaffen Sie sich die Hintergrundinformationen für Ihre Donna-Leon-Krimis?

Donna Leon: Vieles beziehe ich aus den Tageszeitungen, aktuelle Informationen etwa über Prostitution oder politische Korruption. Aber das, was die Leute über die Dinge sagen, die passieren, das übernehme ich von meinen Freunden. Italiener unterhalten sich gerne. Ich brauche nur dazusitzen und zuzuhören.
Ich zitiere meine Freunde. Aber das ist kein Problem. Sie lesen ja nicht englisch oder deutsch und so weiß keiner, was ich mache.

Haben Sie einen fixen Tagesablauf mit bestimmten Zeiten, die für private Stunden beziehungsweise das Schreiben reserviert sind?

Donna Leon: Nein. Ich schreibe, wenn ich Zeit habe und wenn ich mag. Es gibt für nichts in meinem Leben fixe Pläne. Alles passiert rein zufällig.
Wie verbringen Sie Ihre Zeit?

Donna Leon: Ich unterrichte ein paar Stunden im Monat. Abgesehen davon verbringe ich meine Zeit vor allem mit Lesen. Das ist eines meiner größten Vergnügen: Ich lese und lese und lese...

Welche Bücher lesen Sie?

Donna Leon: Zurzeit muss ich Krimis lesen. Ich verfasse Kritiken für die „London Sunday Times“ und muss mir so 10 bis 15 Bücher im Monat ansehen. Ich lese aber immer nur zwei Kapitel. Wenn das Buch gut ist, lese ich weiter. Wenn nicht, höre ich auf.
Zu meinem eigenen Vergnügen lese ich gerade viel Geschichtliches. Ich habe gerade Orlando Faccis Buch über die russische Revolution gelesen, ein wirklich aufregendes Buch. Ich war beim Lesen gerade auf Reisen, im Zug. Ich habe nichts davon mitbekommen, dass ich im Zug sitze - ein wundervolles Buch.
Ich lese Autoren, die ich respektiere - etwa Margret Atwood. Ja und Ruth Rendell - sie ist einfach göttlich. Sie ist die Beste.

Sehen Sie Ruth Rendell manchmal?

Donna Leon: Ja! Wir sind befreundet. Sie war immer mein Ideal. Schon seit ich ihre ersten Bücher gelesen habe. Einer der schönsten Dinge an meinem Erfolg war, dass er mich mit Ruth zusammenbrachte. Sie ist eine außerordentlich intelligente Frau und eine wundervolle Schriftstellerin. Ich kann sie einfach nicht genug loben. Ich hoffe, daß ich eines Tages einmal einen Satz schreiben werde, der so gut ist wie einer von Ruth Rendell.
Sie ist ja jetzt Baroness Rendell und verbringt viele Abende im House of Lords und schreibt doch zwei Bücher pro Jahr. Ich mache so etwas nicht und schreibe nur ein Buch pro Jahr.
Haben Sie auch manchmal Angst vor den Reaktionen der Leser, Angst davor, dass ein Buch einmal nicht so gut ankommen oder der Name Donna Leon in Misskredit kommen könnte?

Donna Leon: Nein. Es reicht mir, wenn ich das Buch mag. Schriftsteller schreiben ja eigentlich privat und für sich selbst. Sie wollen über etwas schreiben, das sie selbst interessiert. Das ist wie bei einem guten Gespräch beim Abendessen: Sie können entweder den ganzen Abend damit verbringen, das zu sagen, von dem sie glauben, das es die Leute hören wollen oder sie können sagen, was sie selbst denken. Ich würde es schrecklich finden, ein Leben lang das zu sagen, was die Leute gerne hören möchten.

Empfinden Sie das Schreiben als Vergnügen?

Donna Leon: Ja. Ich glaube dieses Klischee nicht, dass sich Schriftsteller so richtig quälen beim Schreiben. Es ist lustig. Für mich ist das der beste Job, den es gibt! Es ist fast wie bei einem Abendessen: Man bekommt eine gute Mahlzeit, wird gut unterhalten, kann genau das sagen, was man sich denkt und bekommt dafür von den Leuten sogar noch Geld. Es ist unglaublich!

Ist Commisario Brunetti schon so etwas wie ein guter Freund für Sie?

Donna Leon: Er ist eher so etwas wie mein Alter Ego, dem ich meine Ideen mitgeben kann.

Wird es auch einmal einen weiblichen Commisario in Ihren Büchern geben?

Donna Leon: Nein, nicht in Italien. Hier wäre das nicht glaubwürdig. Ich könnte das natürlich machen, aber das wäre mit so vielen Erklärungen verbunden: Sie ist eine Frau, aber... Ich möchte das schreiben und ich glaube, dass die Leute das auch nicht gerne lesen würden.

Das Essen spielt eine wichtige Rolle in Ihren Büchern. Legt die private Donna Leon auch großen Wert auf leckere Mahlzeiten?

Donna Leon: Ich mag es, wenn man beim Essen in angenehmer Gesellschaft ist uns sich gut unterhalten kann. Mich interessiert aber mehr, was beim Essen passiert und was dabei geredet wird, als das, was ich esse. Das kann ein gepflegtes Essen sein, oder einfach ein Brötchen mit Mortadella. Aber gutes Essen ist mir schon wichtig.
Im einem meiner Bücher kocht Chiara (die Tochter Commisario Brunettis) eine Mahlzeit. Schrecklich. Ich hatte dauernd dieses gute italienische Essen in meinen Büchern. Also sagte ich mir, es ist Zeit für ein schlechtes Essen.

Sie haben erst 1990, also relativ spät, mit dem Schreiben begonnen. War es immer schon Ihr Wunschtraum als Schriftsteller zu arbeiten?

Donna Leon: Nein, ich habe keine Träume! Ich möchte genau das tun, was mir Spaß macht. Ich glaube, wir haben nur eine Chance und die sollten wir nützen!


Danke für das Gespräch!



© Regina Sailer 1998